Intro 5

»Irgendwann ist meine Rolle hier vorbei, und dann bin ich wieder ein ganz normaler Mensch.«

Tim Höttges, CEO der Telekom, beantwortet die Fragen von Bjørn Gulden. Er spricht über die Relevanz von Außenwirkung als Führungskraft, welche Rolle Sportsponsoring in seinem Business spielt und, wie aus einem Netzbetreiber eine Lifestyle-Marke geworden ist.

Welche Netzwerke bilden Unternehmerinnen und Unternehmer? Jeden Monat stellen wir Ihnen hier eine Persönlichkeit vor, die Fragen eines anderen Unternehmers beantwortet – und dann die nächste Person nominiert. Tim Höttges (links) auf die Frage von Bjørn Gulden (rechts) nach dem Verständnis seiner Rolle als CEO der Telekom.

Für dieses Interview hat sich Adidas-CEO Bjørn Gulden den Chef der Telekom ausgesucht: Tim Höttges. Die beiden sind schon einige Male aufeinandergetroffen. Etwa vor der Fußball-Europameisterschaft 2024 im Kanzleramt, um die Frage zu diskutieren, wie sich die schlechte Stimmung in Deutschland verbessern ließe. Tim Höttges steht seit 2014 an der Spitze der Telekom. Er ist damit der am längsten amtierende Dax-Vorstand Deutschlands. Er hat die Telekom zur wertvollsten Marke Europas gemacht und sie von einer „mausgrauen Behörde mit Faxen, Büroklammern, langen Fluren und Tristesse“, wie er einmal im Alumni-Interview mit der Uni Köln erzählt hat, in einen der größten Telekommunikationsanbieter der Welt verwandelt – mit rund 200.000 Mitarbeitenden und einen Gesamtumsatz von 115 Milliarden im Jahr 2024. Wie er das gemacht hat? „Er ist vor allem immer er selbst“, sagt der Adidas-Chef Gulden über ihn. „Und immer in Bewegung“, sagt Höttges über sich. 2025 sei ein volles Jahr gewesen, erzählt Höttges im Call mit Gulden kurz vor Weihnachten. Da war der teure Ausbau des Glasfasernetzes in Deutschland, in die das Unternehmen Milliarden investiert hat, und die eher verhaltene Nachfrage der Endkunden. Da war die KI-Fabrik in München, die die Telekom zusammen mit Nvidia in einer Rekordzeit von sechs Monaten gebaut hat und die im Februar eröffnet wird. Und dann war und ist da Amerika. Die USA sind der Wachstumstreiber des Konzerns, der in diesem Jahr die Ergebnis-Prognose dreimal angehoben hat. Die Tochter T-Mobile US steuert rund zwei Drittel des Gesamtumsatzes bei. Dort treibt ihn gerade Elon Musk um. Mit SpaceX hat der nämlich gerade für 17 Milliarden Dollar Mobilfunkfrequenzen erworben. Bisher war SpaceX auf die Frequenzen von T-Mobile US angewiesen, um sein Satelliten-Netzwerk Starlink in Amerika voranzutreiben. In Zukunft könnte es sich davon unabhängig machen. 2026 könnte Musk SpaceX an die Börse bringen, um weitere Milliarden einzusammeln. Im Oktober hat das Unternehmen den zehntausendsten Satelliten in den Weltraum geschickt. In den nächsten Jahren will es die Zahl mindestens vervierfachen und seinen Nutzern immer mehr Bandbreite bieten. Das betrifft auch Handynutzer. Die neuesten Satelliten können bereits, was noch vor Jahren undenkbar war: direkt mit Smartphones kommunizieren. Bisher reicht es nur für SMS, aber auch das soll sich in den kommenden zwei Jahren ändern. „Da kommt etwas auf uns zu“, sagt Höttges. „Das müssen wir genau verstehen und als Industrie die richtigen Antworten finden.“ „Es war nicht immer ein leichtes Jahr“, resümiert Tim Höttges in seinem Weihnachtsvideo „Tim on Ice“, mit dem er sich – mal im Eishockeytrikot, mal im Paillettenanzug eines Eiskunstläufers – bei seinen Mitarbeitenden bedankt.

Bjørn Gulden
Tim Höttges

Tim, ich muss ich dich loben: Du bist in diesem Video unfassbar lustig. Es gibt nicht viele Führungspersonen, die es wagen, über sich selbst zu lachen. Setzt du das bewusst ein, oder ist das einfach deine Art?

Das ist komplett bewusst. Als Vorstandsvorsitzende spielen wir eine sehr künstliche Rolle. Ich komme aus einer Generation, in der CEOs eine gewisse Hybris hatten, sich teilweise selbst wie Götter sahen. Ich hatte deshalb immer das Ziel, den CEO zu entmystifizieren. Wir sind Arbeiter. Wir müssen abliefern. Wir müssen uns durch unsere Ergebnisse Respekt erarbeiten und nicht über unseren Titel und unsere Rolle. Wenn du den CEO entmystifizieren willst, musst du dich selbst infrage stellen, dich auch ein bisschen auf den Arm nehmen und dich auf Augenhöhe mit dem Rest der Mannschaft stellen. Das kannst du mit solchen Clips ganz gut machen. Außerdem ist so ein Video ein guter Weg, Wertschätzung gegenüber Kollegen auszudrücken. Es interessiert nicht nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern auch meine Kundschaft. Und es fördert Sympathie. Auch, weil der Star in meinen Videos einer meiner beiden Dackel ist, der Anton.

Du sagst, dass wir CEOs eine künstliche Rolle spielen. Aber auf mich wirkst du immer authentisch. Wie passt das zusammen?

Ich glaube, dass Authentizität die höchste Form von Glaubwürdigkeit vermittelt. Wenn du versuchst jemand anderer zu sein, nimmt dein Gegenüber das mit seinen Instinkten wahr. Also bleibt man am besten so, wie man ist. Ich habe gerade eben eine Reise für meine Freunde aus meiner Schulzeit gebucht. Ich lade sie alle zwei Jahre ein. Ich habe nie die Beziehung zu den Menschen verloren, die ich von früher her kenne. Denn ich weiß genau: Irgendwann ist meine Rolle hier vorbei, und dann bin ich wieder ein ganz normaler Mensch.

Was uns zwei verbindet, ist der Sport. Seit 20 Jahren seid ihr Hauptsponsor des FC Bayern, ihr seid Partner des DFB. Über Magenta TV besitzt ihr viele Übertragungsrechte in den unterschiedlichsten Sportarten. Welchen Stellenwert hat der Sport für dein Business?

Sport-Sponsoring ist ein knallhartes Geschäft, das weißt du besser als jeder andere. Der Erfolg wird genau gemessen und quantifiziert, es muss sich rechnen. Dabei helfen uns Emotionen. Der FC Bayern ist für uns eine wichtige Ikone, weil er für Erfolg steht. Und weil Kunden, die wissen, dass wir Bayern München sponsern, wesentlich zufriedener und loyaler sind, ihre Wechselbereitschaft ist deutlich niedriger. Deswegen zahlt sich das Sport-Sponsoring für uns ökonomisch aus. Dazu kommt: Mit Magenta sind wir einer der größten privaten TVBetreiber Europas. Um das Produkt attraktiv zu machen, brauchen wir hier und da mal ein I-Tüpfelchen, exklusiven Content. Deswegen haben wir die Rechte für die Fußballweltmeisterschaft gekauft, 44 der 104 Partien bekommt das Publikum aus Deutschland nur bei uns zu sehen.

Und ihr habt Kloppo als Moderator geholt!

Und Thomas Müller und Mats Hummels. So eine Moderation hat es wahrscheinlich noch nie gegeben. Solche Akzente setzen wir, damit die Kunden nicht nur unseren Telefonie-Anschluss nutzen, sondern auch den Wert dieses Anschlusses über die TV-Plattform bei sich zu Hause erleben können. Außerdem setzen wir auf Breitensport: Wir haben die dritte Bundesliga im Portfolio, genauso wie Handball, Basketball, Eishockey, Tischtennis und alles, was du dir vorstellen kannst. So verankern wir die Marke und das Produkt in den Regionen, wo die Fans sitzen. Da werden wir weiter Geld investieren.

Wie wichtig ist Sport für dich persönlich?

Ich halte keine zwei Tage ohne Sport aus, sonst pumpt sich zu viel Energie in mir auf. Ich habe mein ganzes Leben lang Sport gemacht, bin Segler, Golfer, war früher Handballer und Schwimmer. Wir haben hier in der Zentrale ein Fitnesscenter. Und wenn ich hier bin, nutze ich das zwei- bis dreimal die Woche. Erst gestern habe ich dort 90 Minuten trainiert – Bodyweight und Gewichte. Mit meinem Trainer. Der ist mein bestes Investment. Wenn ich gut schlafe und mich gut fühle, kann ich auch das Unternehmen in die richtige Richtung bringen, hoffentlich.

Unter deiner Führung hat sich die Telekom vom klassischen Netzbetreiber zu einer Lifestyle- und Service-Marke entwickelt. Wie erklärst du einem Laien wie mir, was euch ausmacht?

Wir haben bei uns einen Begriff geprägt: #zeitgeist. Dahinter steht die Frage: Was beeinflusst unsere Kundenmomentan? Was beschäftigt die? Im Moment ist die Stimmung so schlecht, dass ich das Narrativ geändert habe, wie ich auftrete. Ich rede nur noch von Lösungen, nicht mehr von Problemen. Jahrelang habe ich den warnenden Zeigefinger erhoben und gesagt: Wir haben das Internet verloren. Wir haben die Cloud-Infrastruktur verloren. Leute, wir müssen uns um KI kümmern. Aber die Menschen wollen kein Gemecker mehr hören. Sie wollen wissen, was wir tun, damit es besser wird. Deswegen sage ich jetzt: Wir haben als Ankerinvestor einen Verteidigungs-Tech-Fonds mit einem Zielvolumen über mehrere Hundert Millionen Euro aufgesetzt. Wir haben mit Nvidia die KI-Fabrik in München gebaut und stellen da jetzt Hochleistungs-Chips her. Wir steigern damit die KI-Rechenleistung Deutschlands ab dem 4. Februar um 50 Prozent. Das bedeutet Zeitgeist für mich. Was den Lifestyle angeht: Früher waren wir Manfred Krug, der Schauspieler war unser Werbebotschafter. Heute haben wir die Techno-Produzentin VTSS, mit der wir eine Jugendkampagne aufgesetzt haben. Wir machen Kampagnen mit dem YouTuber MrBeast. So sind wir zur wertvollsten Marke Europas geworden – noch vor Adidas und Mercedes. Und der Kunde will immer beim Gewinner sein.

Du und ich: Wir leben ja in einer konstanten Stresssituation. Wie gehst du damit um?

In den letzten sechs Wochen habe ich drei Nächte in meinem Bett geschlafen, inklusive den Wochenenden. Mit 63 spürt man das in den Knochen. Mich stresst aber nicht die Zeit, die ich mit der Arbeit verbringe. Mich stressen die Probleme, die ich nicht gelöst bekomme. Deswegen bin ich getrieben durch die sogenannte Pain-List, die ich führe. Darauf stehen all die Themen, die wir bearbeiten müssen. Die habe ich permanent parat. Wenn ich die Liste mit meiner Organisation teile, kann ich davon ausgehen, dass daran gearbeitet wird, dass sich Menschen damit beschäftigen. Das gibt mir ein besseres Gefühl und macht mich ein Stück weit freier. Und sonst halte ich es mit der Redewendung: A bird can only fly with two wings. Wenn du familiär und privat Stress hast, schleppst du den ins Büro. Und wenn du im Büro nur Stress hast, schleppst du den irgendwann ins Private. Du musst diszipliniert sein und darauf achten, dass du beide Seiten im Gleichgewicht hältst. Ich bin mit meiner Frau seit 35 Jahren zusammen. Das ist ein extrem stabilisierender Faktor. Sie sagt immer: Egal, was du den Tag über gemacht hast, am Abend kommst du nach Hause, und dann sitzen wir gemeinsam auf dem Sofa. Und wenn wir in den Urlaub fahren, brauche ich zwei Tage, dann habe ich die Firma raus aus meinem Kopf. Ich kann unheimlich gut abschalten – und halte das auch nicht für unanständig

Noch eine Gemeinsamkeit! Ich bin auch seit 35 Jahren verheiratet. Wir zwei sind ja nicht mehr die Jüngsten, haben aber viel Erfahrung gesammelt, Krisen gemeistert. Auch das verschafft mir innere Ruhe. Dir auch?

Ja, denn mit der Erfahrung wird die Intuition besser. Ich habe in Köln studiert, da war alles daten- und faktenbasiert. Ich bin ja ein Finanzmann. Deswegen habe ich lange Zeit immer alles hektisch analysiert und war trotzdem manchmal unsicher. Ich musste erst lernen, dass ich meiner Intuition vertrauen kann. Was mir auch immer geholfen hat: zu schauen, was die Erfolgsmodelle anderer sind, nach links und rechts zu blicken, offen und neugierig zu bleiben, um immer weiter zu lernen.

Weitere »Intro« Gespräche

»Mach dir Freunde, bevor du sie brauchst«

Tilo Bonow, CEO von Piabo, beantwortet die Fragen von Miriam Wohlfarth. Er spricht darüber, wann Kommunikation wirklich zum Wachstumstreiber wird, woran sich erkennen lässt, ob ein Produkt den Markt neu prägen kann und über das Risiko von der KI unsichtbar gemacht zu werden.

Mehr erfahren

»Früher dachte ich, ich müsse vor allem stark und kompetent sein«

Isabel Grupp-Kofler, CEO von Plastro Mayer, beantwortet die Fragen von Nele Justus, über ihren Einstieg ins Familienunternehmen, ihren Führungsstil und Dauertransformation. Was unterscheidet sie von ihrer Konkurrenz und wie stellt sie ihr Unternehmen für die Zukunft auf?

Mehr erfahren

»Wir kommen schneller ans Ziel und können viel mehr bewegen, wenn wir einander vertrauen«

Daniel Grieder, CEO von Hugo Boss, beantwortet die Fragen von Isabel Grupp-Kofler, über seine mutigste Entscheidung der letzten Jahre, welches Buch ihm dabei geholfen hat und, wie sich der Umsatz durch seine Wachstumsstrategie „CLAIM 5“, verdoppelte.

Mehr erfahren

»Wir sind mittendrin in der Jahrhunderttransformation unseres Produkts und unseres Geschäftsmodells«

Ola Källenius, CEO von Mercedes-Benz, beantwortet die Fragen von Daniel Grieder, über neue Ansprüche an Führungskräfte, welche Rolle Führungsprinzipien und Unternehmenskultur in der Transformation spielen und, wie es bei Mercedes weitergeht.

Mehr erfahren

»Was wir tun, ist kein Job, es ist ein Leben«

Bjørn Gulden, CEO von adidas, beantwortet die Fragen von Ola Källenius, darüber, was seinen Führungsstil geprägt hat, wie man als Unternehmen den Zeitgeist trifft und global relevant bleibt und, was die DNA seiner Marke bestimmt.

Mehr erfahren

»KI wird überall einziehen. Und ohne sie werden wir nicht mehr wettbewerbsfähig sein.«

Christian Klein, CEO von SAP, beantwortet die Fragen von Tim Höttges, darüber, wie künstliche Intelligenz das Geschäftsmodell von SAP und die Gesellschaft verändern wird, was die Herausforderungen als CEO sind und, was ihn besonders geprägt hat.

Mehr erfahren

»Wenn die Lage sehr ernst ist, dann sind viele bereit, die nächsten Schritte mitzugehen«

Michael Sen, CEO von Fresenius, beantwortet die Fragen von Christian Klein, darüber, wie man Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in schwierigen Zeiten mitnimmt, wie KI in der Medizin unterstützen kann und, wie Digitalisierung im Gesundheitssystem vorangetrieben werden muss.

Mehr erfahren

»Ich glaube, jeder CEO kennt den Moment, in dem er merkt: Der Job beginnt mich aufzufressen, ich brauche mehr Balance«

Christoph Schweizer, CEO der Boston Consulting Group beantwortet die Fragen von Michael Sen, und erklärt, wie er Stress begegnet und wo KI den größten Mehrwert schaffen kann, wie er sein Unternehmen zunkunftsfähig macht und, wie er mit Verantwortung umgeht.

Mehr erfahren

„Ich habe mir eine CEO-Agentin gebaut“

Petra Scharner-Wolff, CEO der Otto Group beantwortet die Fragen von Christoph Schweizer. Sie erzählt, wie sich das Unternehmen in den letzten 25 Jahren verändert hat, was die Herausforderungen bei der Führung eines Familienunternehmens sind und, wie KI-Agenten den Shopping-Prozess beeinflussen.

Mehr erfahren