Intro 9

„Ich habe mir eine CEO-Agentin gebaut“

Petra Scharner-Wolff, CEO der Otto Group beantwortet die Fragen von Christoph Schweizer. Sie erzählt, wie sich das Unternehmen in den letzten 25 Jahren verändert hat, was die Herausforderungen bei der Führung eines Familienunternehmens sind und, wie KI-Agenten den Shopping-Prozess beeinflussen.

Für unserer CEO-Interviewreihe hat sich Christoph Schweizer (53), der Chef der Boston Consulting Group, die erste Frau an der Spitze der Otto Group ausgesucht: Petra Scharner-Wolff (55). Sie ist seit März 2025 CEO des Familienunternehmens aus Hamburg, zu dem neben Otto.de unter anderem der Logistikdienstleister Hermes, der Finanzdienstleister Eos, der Premiumhändler Manufactum und die amerikanische Einrichtungskette Crate and Barrel gehören. Im letzten Geschäftsjahr hat die Otto Gruppe mit ihren mehr als 30.000 Mitarbeitern weltweit 13,8 Milliarden Euro Umsatz und einen Gewinn von 312 Millionen Euro nach Steuern erzielt – fast doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Otto.de war dabei mit 4,7 Milliarden einer der Umsatz- und Wachstumstreiber. Dabei steht der Onlinehändler unter enormen Druck. Er muss sich gegen Amazon und chinesische Konkurrenten wie Temu und Shein beweisen, die mit niedrigen Preisen auf den Markt drängen. Auch deswegen will Petra Scharner-Wolff, die 1999 als Mitarbeiterin im Controlling bei Otto einstieg, rund 350 Millionen Euro in Technologie und KI investieren.

Christoph Schweizer
Petra Scharner-Wolff

Petra, du bist seit mehr als 25 Jahren bei der Otto Group, davon fast ein Jahrzehnt im Vorstand und seit März 2025 an dessen Spitze. Wie hat sich das Unternehmen in dieser Zeit verändert?

Die 25 Jahre waren von wahnsinnig viel Transformation geprägt: von einer Internationalisierung der Gruppe, einer großen E-CommerceOffensive und einem deutlichen Ausbau unserer Finanzdienstleistungen. OTTO hat sich vom damals klassischen Versandhändler, wo der Einkauf bestimmte, welche Produkte einen Platz im Katalog fanden, hin zu einer Online-Plattform entwickelt, mit 19 Millionen Produkten, auch von externen Händlern. Mittlerweile ist der gesamte Konzern sehr von Technologie geprägt. Das hat meine Arbeit verändert –genauso wie die unserer über 30.000 Mitarbeitenden.

Was hat sich mit dem Wechsel von der Rolle der Finanzvorständin in die Chefinnenposition für dich am stärksten gedreht?

Es ist ein bisschen so, als würde man von der Innenministerin zur Außenministerin werden. Meine Kontakte nach außen sind mehr und vielfältiger und die Vernetzung in Richtung der Politik ist intensiver geworden – auch nach Brüssel, weil da die Gesetze gemacht werden, die für unser Geschäft entscheidend sind. Und mein Freiheitsgrad ist auch etwas gestiegen. Die Arbeit einer CFO wird vom Jahresrhythmus des Konzerns diktiert. Heute kann ich meine Arbeit flexibler gestalten.

Volkswirtschaft, Politik, Geopolitik: Was hat deine Arbeit in den Monaten als CEO am meisten geprägt?

Die Zollvorschriften der US-Administration haben unser amerikanisches Geschäft beeinflusst, aber auch die Wettbewerbsarena in Deutschland und in Europa verändert. Wir haben eine noch stärkere Verschiebung der chinesischen Wettbewerber in die europäische Landschaft gesehen. Die Sperrung der Straße von Hormus hatte keine direkten Auswirkungen auf unsere Lieferketten, aber wir haben sie indirekt gespürt: weil die Konsumenten unter gestiegenen Energiekosten leiden, kaufen sie teils weniger ein.

Die Otto Group ist ein Familienunternehmen. Solche Firmen haben viele Stärken, aber auch ihre Spezifika, was Strategie, die tägliche Führung und die Kultur angeht. Wo siehst du Vorteile und wo Herausforderungen?

Ich empfinde es als Privileg, ein Familienunternehmen leiten zu dürfen. Man denkt tatsächlich in Generationen, nicht in Quartalen. Wir haben gerade einen Generationswechsel vollzogen: Michael Otto hat nach 55 Jahre an seinen Sohn Benjamin übergeben, die dritte Generation. In Familienfirmen kann man unternehmerisch etwas ausprobieren, obwohl es noch nicht hundertprozentig ausgereift ist – und man hält länger durch. Das ist einer der Gründe, warum wir es mit fast allen Konzepten geschafft haben, erfolgreich zu transformieren. Dabei sind wir unseren Werten wie Nachhaltigkeit und Verantwortung für die Gesellschaft immer treu geblieben, auch in schwierigen Zeiten. Ein Nachteil ist, dass man manchmal ein bisschen zu lange durchhält. Mit etwas aufzuhören, ist keine Stärke von uns. Aber ich bin mir sicher, dass in Summe die Vorteile überwiegen.

In den 1980er und 90er Jahren habt ihr euren Katalog an Millionen Haushalte geschickt. Seitdem hat sich das gesamte Einkaufserlebnis verändert. Wie hat es die Otto Group geschafft, die Kunden mitzunehmen und an sich zu binden?

Schon früher mit dem Katalog waren wir sehr datengetrieben. Wir wussten relativ genau, wie die Kundin auf das reagiert, was wir ihr als Katalog schicken und haben immer auf Signale gehört. Wir konnten so relativ gut ablesen, wie sehr wir die Vertriebswege verändern können, ob die Kundin uns schon folgt oder ob wir zu schnell oder zu langsam auf Trends reagieren. So haben wir uns sukzessive weiterentwickelt und gehen heute mit den Kunden den nächsten Schritt – mit den Möglichkeiten, die wir durch künstliche Intelligenz bekommen. Gleichzeitig haben wir uns auch kulturell permanent weiterentwickelt – interne Prozesse und die Art unserer Zusammenarbeit verändert. Das ist mit Blick auf unsere Performance ebenfalls eine ganz wichtige Komponente.

Wie nutzt ihr bei der Otto Group bereits künstliche Intelligenz und KI-Agenten, gerade im Shopping-Prozess?

Künstliche Intelligenz gibt uns Werkzeuge an die Hand, mit denen wir die Angebote für unsere Kunden weiter verbessern können. Wir können damit hochwertige Bilder und Videos generieren, Angebote personalisieren, Kundinnen beim Einkaufen beraten und mit ihnen in richtige Dialoge treten, wie das sonst nur in Fachgeschäften möglich ist. Bei Otto etwa haben wir vor ein paar Wochen einen KIAssistenten livegeschaltet, den mehrere tausend Kunden am Tag ausprobieren. Und die reden wirklich mit dem! Er ist noch nicht perfekt, aber was wir bereits sehen: Die Kundinnen, die den Assistenten nutzen, konvertieren besser, sie kaufen ein einzelnes Produkt also mit einer höheren Wahrscheinlichkeit. Das wünscht man sich als Händler. Noch ist das allerdings eine zarte Pflanze. Das klassische Einkaufsverhalten – ich gebe etwas in die Suche ein und bekomme Treffer aus dem Sortiment – ist noch dominant.

Wird Agentic Commerce in Zukunft bei Otto der Wachstumstreiber sein?

Nicht jeder Kunde oder jede Kundin wird KI-Agenten oder KI-Berater nutzen wollen. Manche lieben es, zu stöbern und selbst auszuwählen. Andere lassen sich die
Arbeit gerne abnehmen. Das hängt auch stark von den Sortimenten und Produkten ab. Kunden sind vielfältig und wir werden sie so bedienen, wie sie es sich wünschen. Wir erschließen uns durch KI nur einen weiteren Weg, der für eine bestimmte Kundengruppe noch besser ist. Mit einer Marke wie Otto kommen wir über Vertrauen und jahrelange Kundenbindungen. Deswegen glaube ich, dass es in ein paar Jahren Menschen gibt, die sagen: „Otto, dieses Produkt brauche ich jede Woche. Kaufst du das mal für mich ein?“

Nicht nur euer Geschäftsmodell verändert sich durch KI, auch der Arbeitsalltag vieler Mitarbeitender. Das verursacht oft Unsicherheit und Sorgen. Wie stellt ihr sicher, dass die Menschen den Wandel mitgehen können?

Wir investieren schon seit Jahren viel, um unsere Mitarbeitenden weiterzuentwickeln. Unser Grundprinzip ist, allen zu ermöglichen, KI zu verstehen und sie auszuprobieren. Teilhabe ist wichtig, um das Thema zu umarmen und einen chancenorientierten Blick zu entwickeln. Nur dadurch baut man Ängste ab. Bei uns läuft seit mehr als drei Jahren eine konzerneigene Variante von ChatGPT, damit jeder ausprobieren kann, wie man die Technologie zum eigenen Vorteil nutzt. Wir bieten Prompting-Kurse an, haben verschiedene Botschafter, die Technologieverständnis schaffen. Wir haben unsere AI-Ninjas, das sind Azubis, die KI-Know-how in die Organisation bringen und helfen, Probleme zu lösen, wenn man den Ansatz nicht selbst findet. Genauso muss man aber auch Ängste hören und mit ihnen umgehen und nicht so tun, als ob es nur positive Seiten gäbe.

Und wie gehst du für dich persönlich das Thema KI an?

Ich habe mir eine CEO-Agentin gebaut. Nicht ganz alleine. Auch mir hat jemand geholfen. Mit der mache ich jetzt meine ersten Erfahrungen und durchlaufe die gleiche Reise. Es ist wichtig, dass man als Vorbild vorangeht. Ich finde es faszinierend, wie sehr man durch KI das eigene Lernen vorantreiben kann. Meine Agentin fasst mir jeden Morgen zusammen, was technologisch gerade wieder passiert ist. Sie hört jede Menge Podcasts und erzählt mir vieles, was ich noch nicht wusste. Wenn sich in Zukunft so jeder Wissen aneignen kann, weltweit, kann das auch gesellschaftlich viel bewegen.

Wie viel Zeit verbringst Du damit, die neue Technologielandschaft zu verstehen und in welcher Form machst du das?

Ich weiß, Du triffst auch die großen Technologieunternehmen in verschiedenen Teilen der Welt. Grob geschätzt in etwa fünfundzwanzig Prozent meiner Zeit. Wir haben große Startup-Cluster, sowohl in den USA als auch in Europa. Die sind für mich eine super Quelle, um zu gucken: Wie gründen Start-ups heute? Welche Ideen wollen sie an den Markt bringen? Wie gehen sie vor? Ich war vor zwei Wochen in San Francisco, auch, um mit den Leuten zu sprechen, die das amerikanische Cluster managen. Ich wollte wissen, wie sie auf den Markt blicken. Und habe mit den Gründern gesprochen, um zu verstehen, wie sie ihre Unternehmen skalieren. Das ist heute anders als noch vor drei oder vier Jahren. Außerdem habe ich ja meine CEOAgentin mit starker Technologieperspektive und ich probiere tagtäglich viel mit der KI aus – beruflich wie privat. Und ich rede bei uns im Unternehmen mit den Menschen, die sich begeistert mit Technologie auseinandersetzten. Als CEO muss man bei solchen Themen einen gewissen Tiefgang haben, sonst ist man nicht in der Lage, strategisch die richtigen Impulse zu setzen

Petra, der CEO-Alltag ist extrem erfüllend, aber auch sehr intensiv. Wie schaltest du ab und woraus ziehst du die nötige Energie?

Ich beziehe wahnsinnig viel Energie aus dem Unternehmen selbst, weil mir meine Arbeit einfach sehr viel Spaß macht und ich mit ganz vielen tollen Menschen zusammenarbeiten kann. Der Ausgleich ist eher mein schwacher Punkt. Entspannung finde ich, indem ich rede: mit meiner Familie, Nachbarn, Freunden. Manchmal sind es auch ganz banale Dinge, die mir helfen runterzukommen. Etwa durch den Garten gehen und hier und da an einem Blatt zuppeln. Da kommt eine meditative Grundhaltung auf. Wenn ich es schaffe rauszufahren, gehe ich unheimlich gerne am Strand spazieren und sammle versteinerte Seeigel. Davon gibt es nicht so viele, man muss sich fokussieren und kann nicht an die Arbeit denken.

Weitere »Intro« Gespräche

»Mach dir Freunde, bevor du sie brauchst«

Tilo Bonow, CEO von Piabo, beantwortet die Fragen von Miriam Wohlfarth. Er spricht darüber, wann Kommunikation wirklich zum Wachstumstreiber wird, woran sich erkennen lässt, ob ein Produkt den Markt neu prägen kann und über das Risiko von der KI unsichtbar gemacht zu werden.

Mehr erfahren

»Früher dachte ich, ich müsse vor allem stark und kompetent sein«

Isabel Grupp-Kofler, CEO von Plastro Mayer, beantwortet die Fragen von Nele Justus, über ihren Einstieg ins Familienunternehmen, ihren Führungsstil und Dauertransformation. Was unterscheidet sie von ihrer Konkurrenz und wie stellt sie ihr Unternehmen für die Zukunft auf?

Mehr erfahren

»Wir kommen schneller ans Ziel und können viel mehr bewegen, wenn wir einander vertrauen«

Daniel Grieder, CEO von Hugo Boss, beantwortet die Fragen von Isabel Grupp-Kofler, über seine mutigste Entscheidung der letzten Jahre, welches Buch ihm dabei geholfen hat und, wie sich der Umsatz durch seine Wachstumsstrategie „CLAIM 5“, verdoppelte.

Mehr erfahren

»Wir sind mittendrin in der Jahrhunderttransformation unseres Produkts und unseres Geschäftsmodells«

Ola Källenius, CEO von Mercedes-Benz, beantwortet die Fragen von Daniel Grieder, über neue Ansprüche an Führungskräfte, welche Rolle Führungsprinzipien und Unternehmenskultur in der Transformation spielen und, wie es bei Mercedes weitergeht.

Mehr erfahren

»Was wir tun, ist kein Job, es ist ein Leben«

Bjørn Gulden, CEO von adidas, beantwortet die Fragen von Ola Källenius, darüber, was seinen Führungsstil geprägt hat, wie man als Unternehmen den Zeitgeist trifft und global relevant bleibt und, was die DNA seiner Marke bestimmt.

Mehr erfahren

»Irgendwann ist meine Rolle hier vorbei, und dann bin ich wieder ein ganz normaler Mensch.«

Tim Höttges, CEO der Telekom, beantwortet die Fragen von Bjørn Gulden. Er spricht über die Relevanz von Außenwirkung als Führungskraft, welche Rolle Sportsponsoring in seinem Business spielt und, wie aus einem Netzbetreiber eine Lifestyle-Marke geworden ist.

Mehr erfahren

»KI wird überall einziehen. Und ohne sie werden wir nicht mehr wettbewerbsfähig sein.«

Christian Klein, CEO von SAP, beantwortet die Fragen von Tim Höttges, darüber, wie künstliche Intelligenz das Geschäftsmodell von SAP und die Gesellschaft verändern wird, was die Herausforderungen als CEO sind und, was ihn besonders geprägt hat.

Mehr erfahren

»Wenn die Lage sehr ernst ist, dann sind viele bereit, die nächsten Schritte mitzugehen«

Michael Sen, CEO von Fresenius, beantwortet die Fragen von Christian Klein, darüber, wie man Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in schwierigen Zeiten mitnimmt, wie KI in der Medizin unterstützen kann und, wie Digitalisierung im Gesundheitssystem vorangetrieben werden muss.

Mehr erfahren

»Ich glaube, jeder CEO kennt den Moment, in dem er merkt: Der Job beginnt mich aufzufressen, ich brauche mehr Balance«

Christoph Schweizer, CEO der Boston Consulting Group beantwortet die Fragen von Michael Sen, und erklärt, wie er Stress begegnet und wo KI den größten Mehrwert schaffen kann, wie er sein Unternehmen zunkunftsfähig macht und, wie er mit Verantwortung umgeht.

Mehr erfahren